Er kommt nicht aus Lipari. Das ist das Erste, was man verstehen muss.
Massimo Lentsch wuchs in Südtirol auf, in einer Region, die seit Jahrhunderten Wein macht, in der Weinbau keine Entscheidung ist, sondern ein Erbe. Er hätte bleiben können. Er hätte einen Betrieb übernehmen, in ein bestehendes System eintreten, Weine machen können, die sich von selbst erklären — weil hinter ihnen ein Name steht, der seit Generationen bekannt ist.
Stattdessen fuhr er auf eine Insel, die auf keiner Weinkarte stand.
Lipari, Anfang der 2000er Jahre. Die Liparischen Inseln lagen damals im weinbaulichen Niemandsland. Malvasia delle Lipari, die legendäre Süßweintraube, war noch bekannt — aber das war Vergangenheit. Die Reben verschwanden, die Winzer wanderten ab. Der Weinbau, der hier seit den Griechen existierte, stand vor dem Ende.
Lentsch kaufte Land. Zweiundzwanzig Hektar auf vulkanischem Bimsstein, auf 350 Metern über dem Meer. Niemand dachte, dass daraus etwas werden würde.
Der Boden erzählt alles
Bimsstein ist kein Boden im agronomischen Sinn. Er ist poröses Vulkangestein — leicht, weiß, fast mineralisch-steril. Er speichert Wasser, gibt es langsam ab, enthält kaum organische Substanz. Reben, die darin wachsen, müssen kämpfen. Sie schicken Wurzeln tief, suchen Mineralien, entwickeln eine Intensität, die Reben auf fettem Boden nie erreichen.
Was der Boden erzwingt, nennt man Terroir.
Die Entscheidung, die Weine Pomice und Ossidiana zu nennen — Bimsstein und Obsidian, die beiden Steine, aus denen Lipari besteht — ist keine Marketingentscheidung. Es ist eine Beschreibung. Wer diese Weine trinkt, trinkt Gestein.
Was in der Flasche steckt
Bianco Pomice: Catarratto, Carricante, Minnella Bianca. Drei Sorten, die auf den Liparischen Inseln fast verschwunden waren. Lentsch baute sie wieder an, nicht weil sie kommerziell interessant sind — sie sind es nicht — sondern weil sie zu diesem Ort gehören.
Der Wein schmeckt nach Salz und hellem Stein. Nach Zitrusschale, trocken, ohne Fruchtigkeit im modernen Sinn. Er hat Länge, diese charakteristische Art, am Gaumen zu verweilen, die man bei Weinen aus mineralischen Böden findet. Er ist kein Wein, den man sofort versteht. Er ist einer, den man ein zweites Mal trinken möchte, weil man das Erste noch nicht ganz begriffen hat.
Nero Ossidiana: Nerello Mascalese, Nero d’Avola. Obsidian — vulkanisches Glas, so scharf, dass es früher als Werkzeug diente. Der Wein ist dunkel, aber nicht schwer. Die Tannine erinnern an polierten Stein: präsent, aber glatt.