Lipari: Wo der Wein
nach Rauch und Meer
schmeckt
Es gibt einen Moment auf Lipari, wenn der Sirocco nachlässt und die Luft zwischen den Bimssteinterrassen still wird, in dem man versteht, warum man hier überhaupt Reben pflanzen würde. Nicht für den Ertrag. Nicht für die Logistik. Sondern weil dieser Boden etwas erzählt, das kein anderer Boden erzählen kann.
Die Äolischen Inseln — sieben Vulkankuppen nördlich von Sizilien, aus dem Tyrrhenischen Meer gehoben — haben der Menschheit einiges gegeben. Das Wort Äolus für den Gott der Winde. Das Wort Vulkan selbst: benannt nach Vulcano, der Nachbarinsel, auf der der Gott Hephaistos seine Esse betrieb. Und seit 2005, als Massimo Lentsch aus Südtirol auf Lipari ankam und begann, 22 Hektar über dem Meeresspiegel neu in die Hand zu nehmen, auch Wein — ernsthaften, stillen, unbeirrbaren Wein.
Tenuta di Castellaro liegt auf 350 Metern. Der Blick geht nach Westen auf Alicudi, Filicudi, Salina. Darunter: Bimsstein, Lavaschichten, eruptives Material aus Jahrtausenden. Böden, die keine Nährstoffe horten, sondern durchlassen — das Wasser, die Minerale, die Wärme. Reben, die tief graben müssen, um zu überleben, und dabei eine Konzentration entwickeln, die keine Irrigation erzeugen kann.
Die Rebsorte heißt Malvasia delle Lipari. Sie ist hier seit dem 6. Jahrhundert belegt, von den Griechen mitgebracht, von arabischen Händlern weiterverbreitet. Zweite Sorte: Corinto Nero, auch bekannt als Black Corinth — die kleinbeerige, kernlose Urform der heutigen Rosine. Beide wachsen im Alberello-Stil, dem alten Erziehungssystem der Mittelmeerküste: kein Draht, kein Gerüst, der Stock wächst wie ein kleiner Busch direkt aus dem Stein. Handarbeit von der Pflanzung bis zur Lese.
„Der Boden ist so, wie er ist, und die Insel ist so, wie sie ist.“
Was Massimo Lentsch den Weinen mitgegeben hat
Was Lentsch daraus macht, zeigt sich bereits in den Namen.
Bianco Pomice — Pomice ist Bimsstein, das helle, poröse Gestein, das die Böden um den Weinkeller bedeckt. 60 Prozent Malvasia delle Lipari, 40 Prozent Carricante vom Ätna. Straff, salzig, mit einem Finish, das an Zitrusschale und Meeresluft erinnert. Kein üppiges Aromenspektrum, keine Opulenz — dieser Wein sagt etwas, statt viel zu reden.
Nero Ossidiana — Ossidiana ist vulkanisches Glas, Obsidian, das schwarze Material, das entsteht, wenn Lava schnell erkaltet. 90 Prozent Corinto Nero, 10 Prozent Nero d'Avola. Der erste klassische Rotwein, der je von den Äolischen Inseln kam. Vorher gab es schlicht keine Kategorie dafür: kein Weingut hatte den Anspruch gestellt. Lentsch hat ihn gestellt, und die Antwort ist dunkel, tanninreich, mit einer Mineralität, die man nicht aus dem Gaumen bekommt.
Und die Malvasia delle Lipari selbst — als Passito: Trauben, die 15 Tage auf Holzgestellen in der Sonne trocknen, bis die Konzentration jede Einzelbeere zu etwas Eigenem macht. Intensives Gold. Aprikose, Feige, Holunderblüte. Und darunter, immer, diese nasse Mineralik, als hätte jemand einen Stein aus dem Meer geholt und ihn kurz in der Sonne liegen lassen.
Ein Keller, den die Natur kühlt
Die Architektur des Weinguts fügt sich ein. Der Keller wird durch Solarschornsteine beleuchtet. Die Kühlung kommt durch einen Windturm, dessen Luft 360 Meter durch einen unterirdischen Bimssteintunnel geleitet wird — natürliche Klimatisierung ohne Strom. Natur kühlt mit Natur. Der Gedanke ist derselbe wie im Weinberg: nicht optimieren, sondern verstehen.
Auf den sieben Äolischen Inseln zusammen gibt es 115 Hektar Rebfläche. Bordeaux hat über 100.000. Das ist keine Randnotiz — das ist der entscheidende Satz. Wer diese Weine kauft, kauft etwas, das strukturell nicht mehr werden kann. Keine Skalierung, keine zweite Lage, keine Erweiterung. Der Boden ist so, wie er ist, und die Insel ist so, wie sie ist.
Tenuta di Castellaro ist der erste Teil einer Serie, die dort anfängt, wo Wein am deutlichsten Erde ist: auf Vulkanböden. Kaiserstuhl, Ätna, Vulkanland Steiermark, Kanarische Inseln — alle kommen. Aber hier beginnen wir, weil hier der Boden einen Namen trägt, den die ganze Welt kennt, und den Wein, den kaum jemand kennt.
Serie: Vulkanböden — Europa über dem Feuer
- Folge 1: Lipari — Wo der Wein nach Rauch und Meer schmeckt
- Folge 2: Ätna — Das Gedächtnis des Feuers Aug. 2026
- Folge 3: Kaiserstuhl — Rotwein auf schwarzem Grund Sep. 2026
- Folge 4: Vulkanland Steiermark Okt. 2026
- Folge 5: Kanarische Inseln Nov. 2026
Hintergrundwissen
Vulkanböden entstehen aus erstarrtem Lavagestein und vulkanischen Ablagerungen wie Bimsstein, Basalt oder Tuff. Sie zeichnen sich durch hohe Mineralstoffdichte (Phosphor, Kalium, Schwefel) und ausgezeichnete Drainage aus. Reben auf Vulkanböden erzielen niedrige Erträge, entwickeln aber aromatisch komplexe Weine mit ausgeprägt mineralischem Charakter.
Die Malvasia delle Lipari DOC ist eine geschützte Ursprungsbezeichnung, die seit 1973 auf den Äolischen Inseln gilt. Sie umfasst den trockenen Weißwein und den Passito (aus getrockneten Trauben). Die Gesamtrebfläche aller Äolischen Inseln beträgt nur 115 Hektar — eine der kleinsten Weinregionen Italiens.
Alberello (dt. „kleines Bäumchen“) ist ein traditionelles Erziehungssystem, bei dem der Rebstock ohne Drahtgerüst als freistehender Busch wächst. Die Methode stammt aus dem phönizischen Mittelmeer und ist besonders für windige, trockene Standorte geeignet. Die Arbeit ist vollständig manuell, der Ertrag pro Stock ist gering — die Weinqualität hoch.
Die Äolischen Inseln (ital. Isole Eolie) sind eine Inselgruppe im Tyrrhenischen Meer, nördlich von Sizilien und südlich von Neapel. Sie bestehen aus sieben Hauptinseln: Lipari, Vulcano, Stromboli, Salina, Panarea, Filicudi und Alicudi. Die Inselgruppe ist aktiv-vulkanischen Ursprungs und seit 2000 UNESCO-Weltnaturerbe.
Corinto Nero (auch: Black Corinth) ist eine sehr alte, kernlose Rebsorte, die griechischen Ursprungs ist und heute vor allem auf den Äolischen Inseln kultiviert wird. Sie ist die rote Variante der Korinthiakitraube, aus der klassische Korinthen gewonnen werden. Als Weintraube erzeugt sie tiefgefärbte, tanninreiche Rotweine mit ausgeprägter mineralischer Note.
Folge 2 der Serie
Ätna — das Gedächtnis des Feuers
August 2026 · Als Erster informiert werden